Aktuelles
Wirtschaft
Politik
Menschenrechte
Gerichtsverfahren
Kultur
Gesellschaft
Soziale Lage
Kannibalismus
Stimmung des Volk
Umwelt

Wissenschaft
Sonstiges
Außergewöhnlich
Weblinks
Impressum

NEWSLETTER

  Back  Sitemap  Chinese  Englisch MITTWOCH 8.2.2012

Der "große rote Mensch"

[25.01.2005] Ein Blick auf den Film "Hero", der jetzt als neue Kunst aus China gefeiert wird.

Von Xu, Pei: geboren im Jahr 1966 in Kangding (VR.China), lebt seit Ende 1988 in Europa, promoviert in Germanistik (1996); zahlreiche deutsche Veröffentlichungen, zuletzt: Lotosfüße (Gedichte), Grupello Verlag, Düsseldorf 2001; Affenkönig (Gedichte), Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2002; Schneefrau (Gedichte), Grupello Verlag, Düsseldorf 2003

Was für ein "Held"?


Seit der Film "Held (Hero)" (2002) in Deutschland zu sehen ist, habe ich als Chinesin mehrmals Lob für diesen "großartigen" Film aus meinem Heimatland gehört, während mir im Internet nur chinesische Kritik an seinem Regisseur Zhang Yimou begegnet ist.
Zhang selbst bezeichnete diesen Film als einen großen chinesischen Film, welcher große amerikanische Filme an Beliebtheit übertreffen sollte. Leider übersah er den Individualismus und Humanismus in den amerikanischen Filmen und unterstrich stattdessen mit seinem "Held" den zurzeit in Rotchina unübersehbaren gewaltverherrlichenden Nationalismus.

Durch Zhang Yimous Film wird einer der berüchtigsten chinesischen Kaiser der Qin-Dynastie nicht nur als Eroberer anderer Staaten dargestellt wie in der chinesischen Geschichte, sondern auch noch als "Eroberer" des berühmten Helden Jing Ke.
Die überlieferte, jedem chinesischen Intellektuellen bekannte Geschichte lautet: Um sein friedliches Heimatland vor einer bevorstehenden Invasion Qins zu schützen, war Jing Ke
gezwungen, Qins gewalttätigen König zu ermorden. Dieses Attentat misslang leider - und Jing Ke wurde umgebracht. Nach konfuzianischem Wertesystem wird Jing Ke als Held bewundert und der erste Kaiser von Qin, der Jings Heimatland schließlich
überwältigte und das erste Kaiserreich der chinesischen Geschichte gründete, als Tyrann verurteilt. Aber in Zhangs Film läßt der Attentäter dem Tyrann, bzw. der nationalen Einheit zuliebe sein Schwert fallen und wird dennoch umgebracht.

Als eine Journalistin, die ein Dichterportrait von mir für Funkhaus Europa machen wollte, beim Interview auch diesen Film bewunderte, mußte ich dieses Phänomen als interkulturelles Missverständis ernst nehmen, obwohl ich mich bis dahin von der Journalistin gut verstanden fühlte, nicht zuletzt, weil wir beide Erfahrungen unter einer
kommunistischen Diktatur machen mußten: Sie war vor dem Zusammenbruch der DDR in die BRD geflohen. Ich verließ Anfang 2002 fluchtartig die VRC (Volksrepublik China) und schwor mir wie der in Paris lebende Literaturnobelpreiträger Gao Xingjian, nie wieder
in die Heimat zurückzukehren, solange das jetzige Regime existiert.

Um weiteren deutschen Bewunderern Zhangs jetzige Rolle in der VRC zu erklären, fiel mir Leni Riefenstahl ein. Zhang Yimou ist nicht nur genau so talentiert, sondern ebenso erfolgreich, daß er auf Chinesisch jetzt als "großer roter Mensch" bezeichnet wird. In der
Tat ist er so rot, daß die Premiere seines Filmes "Held" in der Volkskongresshalle unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen gefeiert wurde. Für die Filmproduktion hatte er ein Staatsbudget von über 30 Millionen US Dollar erhalten. Einige tausend Mitglieder der
Volksbefreiungsarmee spielten als Statisten mit. Für groß angelegte Werbekampagnen wurden sogar zwei Flugzeuge drei Tage lang in Anspruch genommen. Ein Werbespruch hieß: Schau dir Zhang Yimous Filme an, um die nationale Filmindustrie zu unterstützen!

Während Leni Riefenstahl durch ihre Freundschaft mit Hitler über getötete und verfolgte Künstlerkollegen triumphierte, sah Zhangs Laufbahn in Rotchina zuerst recht "schwarz"
aus:
Zhang wurde Anfang der Fünfziger Jahre geboren, kurz nach der Machtergreifung der kommunistischen Partei in China. Um die Ausbeuterklasse zu vernichten, hatten die Kommunisten all diejenigen Eigentümer, die nicht mit der alten Regierung von Chiang
Kaishek nach Taiwan fliehen konnten, getötet oder ihre Besitztümer im Namen des Volkes beschlagnahmt. Um die Bevölkerung mit der "blutroten" kommunistischen Ideologie zu assimilieren, war es nach 1949 an der Tagesordnung gewesen, Menschen im so genannten Klassenkampf zu töten oder zu degradieren. Das erreichte seinen
Höhepunkt im Jahre 1957, als über 500 Tausend Intellektuelle, welche zum Teil im Namen von Demokratie und Freiheit für die KPC (Kommunistische Partei Chinas) gegen
die alte Regierung von Chiang Kaishek gekämpft hatten, als "Rechte Elemente" verfolgt wurden, weil manche von ihnen die Demokratie und Freiheit tatsächlich einforderten.
Danach verursachte das Regime durch den "Großen Sprung nach vorne", der den amerikanischen und britischen Imperialismus binnen weniger Jahre - einholen sollte, eine Hungersnot, die etwa 40 Millionen Chinesen dahinraffte.

Zhangs Familie gehörte zu den allerersten Chinesen, die als "schwarz" bezeichnet und unterdrückt wurden, weil sein Vater als Offizier die alte Regierung verteidigt hatte. Er wuchs in Armut und Diskriminierung auf und dürfte sich während der Hungersnot (1959-1961) kaum satt gegessen haben können.

In meinem Geburtsjahr - 1966 - rief Mao zur "Großen Proletarischen Kulturrevolution" auf, um seine Alleinherrschaft zu stärken, welche Staatspräsident Liu Shaoqi nach der Hungersnot zu bedrohen schien. Die Jugendlichen, die Mao als "großer rettender Stern
des Volks" schon im Kindergarten besingen mußten, beteiligten sich enthusiastisch daran und diejenigen, deren Familien nicht "schwarz" waren, durften als Maos Rotgardisten im Namen der Revolution alles zerstören, was zur Kultur Chinas gehörte, von alten Tempeln bis hin zu jungen Lehrern.

Die chinesische Kultur

Rotchina stellt den ersten Staat in der chinesischen Geschichte dar, welcher nicht nur auf einer atheistischen Theorie gründet, sondern diese auch noch zur einzigen "Wahrheit" bzw. Staatsideologie gemacht hat, was sich ganz gegen die chinesische Kultur bzw. gegen das traditionelle chinesische Wertesystem richtete.

In jeder Dynastie auf chinesischem Boden wurden die drei Weisen Konfuzius, Lao-tse und Buddha Shakyamuni verehrt. Während die beiden letzteren Weisen religiöse Richtungen anzeigen, fungiert die Lehre des ersten als Staatsethik oder Moralkodex. Die Beamten wurden nur nach ihren guten Kenntnissen in den konfuzianischen Schriften
ausgewählt, so dass auch Söhne armer Familien Karriere machen konnten und durften. Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Anstand, Weisheit und Ehrlichkeit sind konfuzianische Prinzipien. Sie wurden den Kindern in Versen und Geschichten beigebracht. "Zu wissen
was man weiß und was man nicht weiß, das ist Wissen." "Was man selbst nicht angetan haben will, soll man auch anderen nicht antun." Das waren berühmte Worte von Konfuzius.

Es gab kaum einen Kaiser, der atheistisch war. Auch wenn sie nicht wirklich religiös waren, taten sie so, als ob sie Ehrfurcht vor dem Himmel empfänden und bezeichneten sich als "Söhne des Himmels". Selbst der in Zhangs Film "Held" fungierende erste
Kaiser der Qin-Dynastie verehrte die Taoisten, obwohl er etwa 460 konfuzianische Gelehrte, die gegen ihn waren, lebendig begraben ließ, weswegen er auch besonders geächtet wird. Es gab sogar Kaiser, die wegen ihrer religiösen Selbstkultivierung die weltliche Macht vernachlässigten.

Maos Kulturrevolution (1966-1976)

Die kommunistische Diktatur hatte die drei Weisen durch Marx, Engels, Lenin, Stalin ersetzt. So lernte man nach 1949 in der Schule kaum mehr die traditionellen Dichtungen und Weisheiten kennen, sondern kommunistische Schriften aus den Schlag-Zeilen.
Zudem werden Hinrichtungen immer wieder öffentlich durchgeführt. (Auch heutzutage muß man noch immer die kommunistische Ideologie und aktuelle Parteipolitik erlernen,
teilsweise sogar auswendig lernen. Etwa zehntausend Menschen werden jährlich noch zum Tod verurteilt.)

Als Maos Kulturrevolution ausbrach, marschierten zuerst die Jugendlichen auf; aber dann sahen auch die in den vergangenen 17 Jahren verfolgten "Schwarzen" darin eine
Gelegenheit, für ihr Recht zu kämpfen. Das heißt, während die Rotgardisten von Mao ausgenutzt wurden, wurde Mao durchaus auch von den verfolgten "Schwarzen" benutzt,um gegen das kommunistische System rebellieren zu können. Und weil die Kommunisten alle öffentlichen Mittel beherrschten, sollten Wandzeitungen (usw.) die fehlende Pressefreiheit schaffen.

Zum ersten Mal geriet der kommunistische Staatsapparat außer Kontrolle. Die Funktionäre, die nach 1949 eine neue Ausbeuterklasse darstellten, wurden als Kapitalisten identifiziert, denn sie besaßen zwar wenig, benutzten jedoch im Namen der "Volksdiener" alles, was beschlagnahmtes Privateigentum war. Nun wurden sie vom richtigen Proletariat, welches teilweise zur alten Ausbeuterklasse gehörte, mit dem roten
Mao-Buch in der Hand ertappt. Dabei wurden sie von den Rotgardisten genauso misshandelt, wie sie früher die "Schwarzen" misshandelt hatten, manchmal sogar noch schlimmer. Außer Maos Familie blieben nur wenige Funktionärsfamilien verschont; auch Deng Xiaoping wurde attackiert. Während seine Kinder zuerst als Rotgardisten die Lehrer in ihrer Schule sogar zu Tode prügelten, wurde einer seiner Söhne von den
Rebellen zum Sprung aus dem Fenster getrieben, der ihn lebenslang dann in den Rollstuhl brachte.

Es wurde richtig mit Waffen gekämpft. Schließlich mußte die Volksbefreiungsarmee eingreifen. Die Rebellenführer wurden ins Gefängnis geworfen und die Jugendlichen wurden unter schönen großen Parolen aufs Land geschickt.

Zhang war damals ein 16-jähriger Mittelschüler, als der gesamte Bildungsbetrieb Rotchinas unterbrochen wurde. Ab 1968 mußte er als Bauer auf dem Land hart arbeiten
, bis er als 21-jähriger eine Stelle in einer Textilfabrik bekam.

Während der junge Arbeiter in der Freizeit sein Talent entwickelte und als Blutspender Geld verdiente, um sich einen Fotoapparat zu kaufen, wurde der Klassenkampf permanent weitergeführt. Im Jahr 1971 stürzte Maos vorgesehener Nachfolger, Lin Biao (1907-1971), auf der Flucht in die Sowjetunion mit dem Flugzeug über der Mongolei ab.
Ob Lin Biao wirklich einen Militärputsch vorbereitet hatte, wie ihm dann vorgeworfen wurde, sei dahingestellt; aber das Dokument, das als Beweis dafür bekannt gemacht wurde und weitere 30 Tausend Chinesen zugrunde richtete, nennt alles beim Namen,
was in den öffentlichen Medien mit falschen, großen und hohlen Worten umschrieben wird. So heißt es zum Beispiel:

Das Wesen des Sozialismus ist Sozialfaschismus. Der Staatsapparat habe sich in einen Fleischwolf verwandelt, in dem man sich gegenseitig
umbringt und gegeneinander intrigiert.
Jedenfalls hatten Lin Biaos Sturz und dieses Dokument wie ein Blitz in Rotchina eingeschlagen.

Nach dem Tode Maos (1976) konnte das kommunistische Regime die Bevölkerung
kaum mehr so lenken wie früher, auch wenn die Kulturrevolution mit der Verhaftung von
Maos Witwe und einiger anderen - der so genannten "Vierbande" - als Sündenböcke
offiziell beendet war. Es wurde nach Rehabilitation verlangt. Die Bevölkerung wehrte sich
immer vehementer gegen das schönbeschriebene sozialistische System, welches sie
tatsächlich immer elender machte.

Mit Hilfe der unzufriedenen Bevölkerung besiegte der opportunistische Deng Xiaoping Maos Nachfolger Hua Guofeng, der alles von Mao übernehmen wollte. Kaum aber hatte Deng den Machtkampf gewonnen, ließ er eine Reihe von Bürgerrechtlern verhaften.
Darunter waren Wei Jingsheng, der Dengs "Vier Modernisierungen" durch "Demokratie" als fünfte Modernisierung ergänzen wollte, und Ren Wanding, der die "Deklaration der
chinesischen Menschenrechte" veröffentlichte. Deng hielt zwar weiterhin an der alten Ideologie fest, mußte neue Wege jedoch zulassen. So wurde die Marktwirtschaft eingeführt. Das vom Regime verschlossene "Tor des Staates" ging auf. Reichtum und
Kapitalisten, die bis dahin bekämpft wurden, waren auf einmal begrüßens- und begehrenswert. Die traditionellen Werte in der Wirtschaft, die von den Kommunisten auf den Kopf gestellt worden waren, fielen somit wieder auf die Füße zurück, während alles andere weiterhin von den Kommunisten "auf den Kopf gestellt" blieb. Als Verwandte aus
Taiwan endlich wieder zu Besuch nach Rotchina kommen durften, stellte mancher jedoch fest, daß die Regierung von Chiang Kaishek, die bis heute noch als "weißer Terror" dargestellt wird, viel menschlicher war.

Zwei Generationen in Rotchina

Nach Maos Kulturrevolution war es im Jahre 1977 wieder möglich, durch eine Aufnahmeprüfung einen Studienplatz zu bekommen, den vorher nur "Rote Kinder" bekommen konnten. Zhang musste sich mit seiner Fotographie an den Kultusminister wenden, um eine Sondergenehmigung zu bewirken, weil er die Altersgrenze bereits
überschritten hatte. In den Jahren 1978-1982 studierte Zhang dann unter Protest seitens Lehrer- und Studentschaft Kinematographie an der Pekinger Filmhochschule. Das Studium war gebührenfrei und sein Leben wurde von seiner berufstätigen Frau unterhalten.

Nach seinem Studium arbeitete Zhang zuerst als Kameramann, dann als Darsteller, und zwar in Filmen, die als "Vergangenheitsbewältigung" oder als "Suche nach den Wurzeln" zu bezeichnen sind. Ein Wortführer dieser neuen Kunstrichtung war Zheng Yi. Dieser zu
Zhangs Generation gehörende Schriftsteller schrieb auch das Drehbuch für den Film "Old Well", in dem Zhang zum ersten Mal als Hauptdarsteller wirkte und in Japan einen Preis gewann.

Im Jahre 1988 durfte Zhang als Regisseur der "fünften Generation" in Rotchina Beiträge zu einem Filmmarkt leisten, den das Regime zum ersten Mal zuließ, trotz Zensur. Davor, d.h. nach der Machtergreifung der Kommunisten waren alle chinesischen privaten Filmstudios, die bereits im Jahr 1905 die ersten Filme gedreht hatten und sehr florierten,
unter kommunistische Ideologie und Führung gestellt worden. So wurden Filme gedreht, die das Leben vor 1949 in China als menschenunwürdig und die Kommunisten als
Retter darstellten. Meinen ersten Eindruck von Tibet habe ich dem Film "Sklaven" zu verdanken, in dem Sklaven in Tibet von den Kommunisten befreit werden sollten.

Aber selbst von solchen Propagandafilmen gab es nur wenige vor 1980, weil die Fachleute mit dem "ununterbrochenen Klassenkampf" beschäftigt waren und dabei auch der Reihe nach unter verschiedenen Vorwänden "beseitigt" wurden - mal als "rechte Elemente", mal als "Kapitalistengehilfen". Es ist festzustellen, dass nach 1949 in
Rotchina alle Filme von der kommunistischen Ideologie beeinflusst worden sind. Und kaum war es in den Achtzigern möglich, diese Staatsideologie auch in Filmen in Frage zu stellen, ereignete sich im Jahre 1989 das Massaker auf dem Platz des himmlischen
Friedens. Danach sind alle Intellektuellen, welche den roten Gedankenkäfig zu öffnen versucht hatten, entweder verhaftet worden oder geflohen, wie auch Zheng Yi. Ihm
gelang es, nach einer dreijährigen Flucht, im Jahre 1992 Hongkong zu erreichen. Seit 1993 lebt er wie die meisten chinesischen Intellektuellen nach dem Massaker in den
USA, was mit den deutschen Intellektuellen während der Nazizeit durchaus zu vergleichen ist.

Ich gehöre zur zweiten Generation, die in Rotchina aufwuchs. Im Vergleich zu Zhang habe ich nicht nur einen Vater, welcher für die KP Chinas gekämpft hatte, sondern auch
das Glück, mit 21 Jahren mein Studium an einer Hochschule für Fremdsprachen beenden zu können.

Während Zhangs Ausbildung durch Maos Kulturrevolution gestört wurde, wurde meine Bildung von Dengs Reformen begleitet, trotz der Repression im Jahre 1986, als der allseits beliebte Generalsekretär der KPC, Hu Yaobang, entmachtet wurde, dessen Tod im Jahr 1989 dann die weltbewegende Demonstration auslöste.

Diese Demonstrationen in Peking verfolgte ich als Studentin an der Heinrich-Heine Universität, Düsseldorf, im Fernsehen und erlebte das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens als den Schock meines Lebens. Erst von da an lernte ich die Wahrheit, oder anders gesagt, die Geschichte meiner Heimat bewusst kennen.
Dazu zählte auch ein Vortrag über die Kulturrevolution von Zheng Yi, den er nach seiner
Flucht auf Einladung von Prof. Helmut Martin an der Bochumer Universität hielt. Dieser Sinologe durfte auch wegen solchen Engagements für "antichinesische Mächte" Rotchina bis zu seinem Tode nicht mehr besuchen.

Während Zhang den Deutschen durch den "Goldenen Bären" bei der Berlinale (1988) für seinen Film "Das rote Kornfeld" bekannt wurde, wurde er den Chinesen zuerst dadurch bekannt, dass er seine Ehefrau und seine fünfjährige Tochter im Stich ließ, weil seine "Neue" niemand anders war als die Schauspielerin Gong Li, die zu jener Zeit die
Hauptrolle in seinem Film "Das rote Kornfeld" spielte.

Das "Rote" in Zhangs Filmen fiel mir auf und die weiblichen Hauptrollen erinnerten mich an die berühmte Propagandageschichte "Die Frau mit weißem Haar", welche das Elend der Chinesinnen vor 1949 veranschaulichen sollte. In der alten chinesischen Gesellschaft sollen Frauen sexuell missbraucht und ausgebeutet worden sein. Durch die
kommunistische Befreiung aber konnten die Frauen "die Hälfte des Himmels" auf ihren Schultern tragen, - so jedenfalls wollte es das Regime der Bevölkerung eintrichtern.

In Wirklichkeit aber verloren die Chinesinnen in Rotchina nicht nur wie die Männer ihr ganz normales Menschenrecht, sondern auch das Recht auf Mutterschaft. Vom Staat organisierte Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen hatte es in der vergangenen
"schwarzen" Gesellschaft jedenfalls nie gegeben.

Es stimmt, dass seit 1949 Konkubinen nicht mehr erlaubt sind. Während die Ehefrauen und Kinder früher wegen junger Frauen nicht verlassen werden durften, werden in Rotchina die altgedienten Ehefrauen einfach geschieden, wie es bei Zhangs Frau passiert ist. Wenn auch Zhangs Scheidung im Jahre 1988 noch als ein Skandal galt,
sind Zhangs Affären heutzutage in Rotchina normal. Als seine Tochter bei einem Interview einmal danach gefragt wurde, gab sie zu verstehen, sie habe nichts dagegen, wenn ihr Vater sie nicht wieder so vernachlässige, wie während seiner siebenjährigen
Liaison mit Gong Li.

Zhangs Filme stellen die Frauen vor 1949 also weiterhin wie nach dem kommunistischen Muster dar, nur mit einer sexuellen Anzüglichkeit, die weder dem kommunistischen Ideal noch den alten chinesischen Sitten entspricht, sondern Zhang charakterisiert. Sein Film
"Leben" (1994), welcher die chinesische Realität nicht verstellt, darf aber bis heute nicht in Rotchina gezeigt werden .

Farbenwechsel

Nach 1989, nachdem die kommunistischen Regime in Osteuropa eines nach dem anderen zusammenbrachen, verlor der Kommunismus ein für allemal seine
Glaubwürdigkeit. Die KPC hatte zwar mit Panzern ihre Macht erhalten, aber die Herzen der Menschen verloren. Als "Opium für das Volk" dient in Rotchina seitdem der Nationalismus; schließlich gibt es auch heute noch keine Pressefreiheit. Die Bevölkerung hört nur die Stimme der KPC.

Die chinesische Sprache, die einst tiefsinnig und vieldeutig war, wurde von den Kommunisten leider ideologisiert. Nachdem ich erfuhr, wie die friedlichen Studenten als "Gewalttäter" oder gar als von Ausländern gesteuerte "Staatsumstürzler" in den öffentlichen Medien beschrieben wurden, gingen mir erst einmal die Augen auf für diese
sprachliche Gewalt. Das Massaker vom 1989 war das erste Verbrechen in Rotchina, welches direkt von und vor der gesamten Weltöffentlichkeit vollzogen wurde. Dennoch streitet das Regime bis heute alles ab. Deshalb werden auch diejenigen Opferfamilien
bis heute verfolgt, welche nicht bereit sind, dieses Massaker zugunsten einer nationalen Stabilität zu vergessen, wie das Regime es verlangt.

Dank meines Promotionsstudiums in Deutschland habe ich meine chinesische Wurzel zu schätzen gelernt. In Deutschland wird der theoretische Teil als die Drei Lehren des
Konfuzianismus, Taoismus und des Buddhismus in der Philosophie rezipiert und der praktische Teil wird als Qi Gong, Tai Ji Quan, Yoga oder Gongfu usw. verbreitet,während sie mir als ganzheitliche Selbstkultivierung, mit anderen Worten als theistische
Lebensform bekannt sind.

Ich veröffentliche zwar seit 1989 in beiden Sprachen gesellschaftskritische Schriften,aber so engagiert wie Prof. Martin und seine chinesische Frau war und bin ich nicht. Als ich nach meiner Promotion im Jahre 1996 die Pekinger Universität besuchte, um dort
tätig zu werden, stellte ich fest, dass es für mich unmöglich sein werde, mich wieder in diesem roten Käfig einzuleben. Wie kann ich damit einverstanden sein, den Marxismus als die Seele der Pekinger Universität zu bezeichnen?

Zhang aber hatte gezwungermaßen seine Suche nach der Wurzel aufgegeben undd bewegt sich nun auf einer Oberfläche, welche die Wahrheit in Rotchina versteckt.
Nachdem Zhang mit Hilfe ausländischer Anerkennung auch in Rotchina bekannt wurde,gab er eine Heldentat auf, genau wie in seinem Film "Held", in dem der Attentäter im Angesicht des Tyrannen auf sein Schwert verzichtete. Während nach dem konfuzianischen Wertesystem der erste Kaiser von Qin als Tyrann verurteilt wurde, wird
er heute noch von den kommunistischen Führern verehrt.
So sagte Mao Zedong im September 1959 bei einem ausländischen Interview : "Ich bin wie der erste Kaiser von Qin, ich bin einverstanden mit dem ersten Kaiser von Qin, nicht einverstanden bin ich mit Konfuzius".
Jiang Zemin, der nach dem Tode Dengs (1997) im Jahre 1998 den Machtkampf in der KPC gewann, verhält sich genauso wie Mao. So wurde eine der größten Militärparaden zum 50sten Gründungstag in Rotchina veranstaltet und der Diktator zeigte sich in einer Pose wie Mao vor den Rotgardisten.
Während Mao die chinesischen Intellektuellen und Künstler verfolgte, versuchte Jiang sie zu bestechen - bei Zhang hat er anscheinend den größten Erfolg erzielt. Während
Hitler die Juden zu vernichten suchte, versucht Jiang seit Sommer 1999 Falun-Gong, eine traditionelle theistische Lebensform, zu vernichten, deren Prinzipien "Wahrhaftigkeit,Barmherzigkeit und Duldsamkeit" sind und zu Beginn der Verfolgung in Rotchina von mindestens 70 Millionenen Menschen praktiziert wurde.

Im Jahr 2002, beim 16ten Nationalen Volkskongress, welcher einem Regime als "Deko" diente, zu dem Zhang nun ebenfalls zählt, ließ sich der Diktator trotz seines hohen Alters
(76 Jahre alt!) noch einmal zum Vorsitzenden der Militärkommission "wählen", denn wer die Macht über die Armee hat, der steht über der KPC, somit auch über Rotchina.
Während Zhang weitere 30 Millionen Dollar für einen Film (2004) erhielt, welcher die unglaubwürdige Geschichte einer Geisha aus der Vergangenheit vorführt, werden über 6
Millionen chinesische Prostituierte einmal wieder zur Zielscheibe einer "roten Kampagne" gegen die Prostitution. Während Zhang einst für sein Blut einen Fotoapparat bekam, wurden arme Bauern beim Blutverkauf mit dem Aids-Virus infiziert. Damit die
Weltöffentlichkeit nichts von der Existenz der Aidsdörfer mit etwa 1 Million Bewohnern erfuhr, wurden die freiwilligen Helfer vom Regime verfolgt.

Als ich Zheng Yi neulich am Telephon auf Zhang hin ansprach, konnte er nur seufzen. Als er mit Zhang für den Film "Old Well" zusammengearbeitet hatte, war Zhang noch ein verantwortlicher Schauspieler gewesen. Zhang und seine Filme zu kritisieren sei ihm zu
peinlich.

Mir geht es auch nicht darum, ihn als Opfer oder Täter zu stigmatisieren, sondern nur
darum, zu zeigen, wie der einst "schwarze" Zhang nun "ein Held" in Rotchina wurde und mit seinen roten Filmen einen großen Beitrag dazu leistet, die chinesische Geschichte und die augenblickliche Realität zu verstellen. Ohne seine Werbefilme wäre es
undenkbar, daß Rotchina den Wettbewerb als Veranstalter für die Olympischen Spiele im Jahre 2008 gewonnen hätte. Ich selbst bin durch mein Deutschlandstudium auf eine schwarze Liste geraten und kann nur das Internet als Wandzeitung benutzen, um einem
nationalistischen Regime Widerstand zu leisten.

Aber auch deswegen weiß ich, wie Leni Riefenstahl es geschafft hatte, glorreiche Filme mit Welterfolg zu zeigen, während ein Diktator gerade dabei war, diese Welt in einen
Abgrund zu stürzen.

Sommer 2004, am Kölner Dom

Xu, Pei: geboren im Jahr 1966 in Kangding (VR.China), lebt seit Ende 1988 in Europa, promoviert in Germanistik (1996); zahlreiche deutsche Veröffentlichungen, zuletzt: Lotosfüße (Gedichte), Grupello Verlag, Düsseldorf 2001; Affenkönig (Gedichte), Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2002; Schneefrau (Gedichte), Grupello Verlag, Düsseldorf 2003
912 Seitenaufrufe
    Druckansicht

Weitere Artikel zu diesen Thema
23.05.2011 Obama lässt sich hängen
15.05.2009 Chinesische Gesellschaft heute
22.04.2009 Wütende Conti-Mitarbeiter stürmen die Unterpräfektur in Compiegne
31.01.2008 Full Metal Jacket
11.09.2007 Der betrogene Bauer
19.08.2007 Entsetzen über Tigertötungen in Südchina
09.08.2007 "Gefälschter" Bericht über Fälschung doch wahr
07.08.2007 So schwimmt man in China
01.08.2007 Doping-Weltmeister China
20.05.2007 Video von einer Zwangsräumung


Alle Artikel in dieser Rubrik anzeigen


     

Erstellt 2003   http://www.china-intern.de