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Der Dreischluchtenstaudamm

[19.06.2006] Nach 12 Jahren Arbeit, der Beteiligung von bis zu 26.000 Wanderarbeitern, der Vertreibung von knapp zwei Millionen Menschen und einem Budget von umgerechnet rund 25 Milliarden US-Dollar (inoffizielle Quellen variieren zwischen 50 und100 Milliarden), ist die riesige Staumauer fertiggestellt. Mit einer Höhe von 185 Metern und einer Länge von 2,3 Kilometern staut sie das Wasser des mächtigen Jangtse (chinesisch: Yang Zi Jiang), des längsten Flusses in Asien.

Der Jangtse, ein Fluß der Mythen und Legenden, die Wiege der chinesischen Zivilisation, ist jetzt durchtrennt von 27 Millionen Tonnen Beton. Die Ankündigung des offiziellen Endes der Bauarbeiten an dem Drei Schluchten-Projekt in China – das größte seiner Art – war wider Erwarten nicht Anlass für große Feierlichkeiten, wie es von der chinesischen Partei-Propaganda zu erwarten war.

Nach offizieller Lesart wünschten die Verantwortlichen für den Bau aus Bescheidenheit und Kostenersparnis keine teuren Feierlichkeiten. Das jedenfalls will Xinhua, die staatliche chinesische Presseagentur, die Bevölkerung Glauben machen. Der Kenner wird stutzig, wenn die Partei eine solche Gelegenheit zur Propaganda ungenutzt vergehen lässt und den offensichtlichen Grund stillschweigend unter den Tisch kehrt: Ihre große Besorgnis.

Seit sechs Jahren zeigen sich immer mehr Risse im Damm, angeblich „unbedeutende“, jedoch nicht beseitigte Risse, die laut Experten zum Dammbruch führen könnten. Schon seit fünf Jahren wird die Wasserqualität im Staubecken immer schlechter. Schon jetzt machen sich die Auswirkungen des Staudamms auf die Umwelt bis zum 900 km entfernten Shanghai bemerkbar, obwohl der massive Eingriff in die Natur noch gar nicht in vollem Umfang zum Tragen kommt.
Die staatlich kontrollierte Tageszeitung People's Daily brachte am 6. April 2002 ein Foto mit der Unterschrift: Mit Tanzen und Singen feierten die Aussiedler der Gemeinde Sandouping im Kreis Yichang am 3. April 1992 die Annahme der "Entscheidung über den Bau des Drei Schluchten-Staudamms“. (Foto: The Epoch Times)

Man will die Natur an Ketten legen

Hinter diesem Projekt steht weit mehr als der einfache Wunsch, im wirtschaftlich wachsenden China die nötige Energie zur Verfügung zu stellen. Wie bei vielen bedeutenden Ereignissen im Reich der Mitte sind die Gründe noch woanders zu suchen.

Sich die wilde Natur des Jangtse nutzbar zu machen, das war schon 1917 der Traum von Sun Yat Sen, dem Gründer der Republik China. Auch Mao Tse-tung erwähnt den Staudamm, eines Tages wird „..die Göttin der Drei Schluchten mit den Waffen der Moderne geschlagen werden.“ Das ist mehr als eine poetische Anspielung, das ist eine Frage der Ideologie: die Natur wird nicht gezähmt, sondern sie soll vom Menschen beherrscht werden.

In diesem Fall geht es um die Kontrolle über einen Fluss, der über gewaltige Kräfte verfügt und dessen verheerende Katastrophen seit Jahrtausenden als Strafen der Götter betrachtet wurden. Ohne das Wasser des Jangtse, der von Tibet bis Shanghai nach über 6.300 Kilometern ins Meer fließt, mit einer Wassermenge von 30.000 Kubikmetern pro Sekunde, könnte die Landwirtschaft in den neun angrenzenden chinesischen Provinzen nicht überleben.

Kontrolle und Imagepflege


Li Peng und Jiang Zemin, die beiden Hauptverantwortlichen des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989, waren schon seit 1980 die glühendsten Verteidiger des Staudammprojektes. Nach Studium der Unterlagen des Mammutbaus entschied der chinesische Staatsrat im Februar 1989, die Pläne nicht weiter zu verfolgen. Aber nach dem Aufstand von 1989 änderten sich die Machtverhältnisse, Jiang Zemin und Li Peng erklommen mit ihrer Gefolgschaft den Gipfel der Macht – Jiang Zemin als Erster Sekretär von Chinas KP. Von da an wurde jede Kritik an dem Projekt konsequent unterdrückt. 1992 wurde der Bau vom Volkskongress gebilligt, allerdings mit 30 Prozent Enthaltungen oder Gegenstimmen. Bei den sonst üblichen „99 Prozent Pro“ ließ das aufhorchen.

Im März des Jahres 2003 veröffentlichte die französische Vereinigung „Freunde der Erde“ ( www.amisdelaterre.org ) einen Bericht und schrieb darin, dass „das Projekt der Drei Schluchten von verknöcherten Bürokraten unterstützt wird, die die Energiequellen unter Kontrolle behalten wollen, während die Verfechter der Reformen in den Institutionen ihre Zweifel und Vorbehalte gegenüber dem Staudamm zum Ausdruck bringen.“

Außerdem, so heißt es weiter in diesem Bericht, „wird der Drei Schluchten-Staudamm die wirtschaftliche Situation Chinas nicht verbessern. Laut Energieexperten ist der Staudamm nicht die preiswerteste Lösung; es existierten zahlreiche einfachere Lösungen, um die Energie-Produktion mit geringeren Kosten zu erhöhen. Die Energie-Tarife müssen im Ganzen Land erhöht werden, um den Bau des Staudamms zu finanzieren.“

Mit einer veranschlagten Produktion von jährlich 84 Milliarden Kilowattstunden wird der Drei Schluchten-Staudamm in China etwa 2 bis maximal 4 Prozent der in China benötigten Energie decken – das entspricht lediglich annähernd der jährlichen Energie-Wachstumsrate.


Vertreibung mit Schlagstock und Bulldozer

Der erhebliche Vorbehalt gegenüber dem Bau entstand auch durch die Notwendigkeit der Umsiedlung der Anwohner dieses Gebietes, also aller Bewohner der Städte und Dörfer entlang des 660 Kilometer langen Staus: nach Schätzungen wurden zwei Millionen Menschen dadurch vertrieben.

International Rivers Network beauftragte einen Langzeitbeobachter mit dem Besuch der Baustelle der Drei Schluchten. Er sollte ferner einen aktuellen Bericht über die Umsiedlung und die Entschädigungen erstellen. Anhand zahlreicher Beispiele belegt er, dass die Entschädigung für die Zwangsumgesiedelten weit unter dem Wert ihres in Wirklichkeit eingetretenen Verlustes liegt.

Auch existieren die versprochenen ländlichen oder städtischen Zonen und die Jobs, die den Umsiedlern in Aussicht gestellt wurden, gewöhnlich überhaupt nicht.

Viele örtliche Funktionäre haben sich angeblich die Taschen mit Teilen des Geldes gefüllt, das für die Vertriebenen bestimmt war, und „von dem Projekt profitiert, um sich persönlich zu bereichern.“

Es sei auch keine Stelle für die Einreichung von Beschwerden vorgesehen; der Prozess der Umsiedlung vollziehe sich „in einer Atmosphäre, die seitens der Behördenmitarbeiter von Geheimhaltung und Einschüchterung gezeichnet ist.“

Die Polizei habe „brutale Mittel“ eingesetzt, um die zahlreichen Unruhen zu unterdrücken, die durch die Probleme der Umsiedlung entstanden sind. So sei das Projekt der Drei Schluchten zu „einem Instrument der Unterdrückung geworden, das massiv die Menschenrechte verletzt.“ Das große Heer der Obdachlosen hat dadurch ebenfalls Zuwachs erhalten.
Auch diese Bauten sind dem Untergang in den Fluten geweiht. (Foto: The Epoch Times)

Die Zerstörung des historischen Erbes

Der Drei Schluchten-Staudamm wird 13 Städte und 4.500 kleinere Orte unter sich begraben. Mehr als hundert Stätten von archäologischer Bedeutung. Einige Tempelanlagen wie der Zhangfei-Tempel werden in den Fluten versinken. Einige von ihnen gehören zu den wichtigsten in China. Sie wurden komplett abgetragen und andernorts wieder aufgebaut. Der Rest wird auch den Fluten preisgegeben werden.

Die Landschaft der Drei Schluchten – eine der schönsten und markantesten in ganz China - die sich über Jahrtausende in den Bildern und Gedichten chinesischer Künstler widerspiegelt, wird ganz einfach verschwinden. Und mit der Landschaft auch an die 2.000 Jahre alte Meisterwerke chinesischer Architektur.

Zerstörung der Umwelt


Am meisten sind die Gegner wegen der Auswirkungen des Staudamms auf die Umwelt beunruhigt. Das enorme Volumen der angestauten Wassermassen hat in der Region bereits zu einer Steigerung der Regenfälle geführt. Das Leben im Wasser ist durch die radikale Betonabsperrung ebenfalls nachhaltig gestört. Die Ressourcen für die Fischerei sind dadurch auch in Gefahr. Das Habitat einzigartiger Tierarten ist zerstört. Der Süßwasser-Delfin des Jangtse ist zum Untergang verurteilt.

Ein anderes Problem ist die Wasserqualität oberhalb des Staubeckens: Die Rückhaltezone wird zum Auffangbecken der Abwässer der gesamten Region. Die Kommune von Chongqing zum Beispiel, ein Industrie-Zentrum mit etwa 30 Millionen Einwohnern, liegt ganz in der Nähe des Flusses. Die Industrieabfälle werden in das Schwemmland gespült, das hinter dem Staudamm liegt, und verschlechtern die Qualität des Wassers. Die Erosion und Instabilität der Uferzonen könnte auch zum Abrutschen kompletter Bergwände führen.

Wir wollen gar nicht von dem Risiko sprechen, das bei einem Dammbruch für Dutzende von Millionen Einwohnern entstünde, wenn plötzlich zwischen 80 und 120 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Rückhaltebecken frei würden. Als 1959 der Staudamm von Fréjus in Südfrankreich brach, begrub er über 400 Menschen unter sich, obwohl er in einer weitgehend unbewohnten Gegend stand. Die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur und seinen eigenen Werken mag gespürt haben, wer sich einmal zwischen den gewaltigen Betonklötzen des gebrochenen Dammes in Fréjus bewegt hat.
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