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Ein Reise ins Herzland des Booms

[16.01.2007]

Ein Freund lud mich auf einen Kurzbesuch ins Dorf Yantou ein, das in der Stadt Xikou im Landkreis Fenghua liegt. Das Dorf liegt 12 km von der bekannten Boomstadt Ningbo weg. In dieser Zeit konnte ich die düstere moralische und ökonomische Stimmung erfahren, die sich über dem Dorf ausbreitet.



Yantou liegt am Yangtse, im sog. Goldenen Deltagebiet, das man auch das wirtschaftlich aktivste Gebiet Chinas nennt. Es liegt in der reichen Provinz Zhejiang. Es wurde unlängst zu einem „ Dorf von historischer und kultureller Bedeutung" ernannt. Als ich das Dorf besuchte, sah ich eine zerstörte Natur, eine drastisch veralternde Bevölkerung, eine erbärmliche Kulturlandschaft und eine mafiaähnliche Dorfregierung.
Yantou liegt am Fuße der Siming-Berge in Ost Zhejiang. Früher war es von schattenspendenden Bambuswäldern und einem kristallklaren Fluß umgeben, es gab viele Vögel, Blumen und es gab Wasser in Mineralwasserqualität. Wirtschaftlich von Bedeutung waren Bambussprossen, Taro, Honigpfirsiche und und Steinflussfische.

Das Dorf war berühmt dafür, die Heimat von Mao Fumei, Chiang Kai-Checks erster Frau zu sein.
Yantou bedeutet Ende des Felsens auf chinesisch. Der Fluss, der durch das Dorf führt, heißt Yanfluss.
Ein alterer Mann führte mich durch das Dorf, ich war überrascht, dass so viel Gebäude aus der Qing-Dynastie stammen.
Als das Auto sich dem Dorf näherte, bemerkte ich, das die Wälder um das Dorf schwarz-braun aussahen. Ich fragte meinen Freund, warum das so sei. „ Die Wälder wurden letztes Jahr abgebrannt. Viele Leute wurden verletzt, als sie den Brand bekämpften. Der Wald war so dick, es war fast unmöglich, den Brandherd auszulöschen, wir hatten Glück, dass niemand getötet wurde.
„Wie viele Bäume verbrannten? Wie begann das Feuer?“ fragte ich.
„Etwa 100 Mu Wald. Es gab einen Grund für das Feuer, naja, das ist schwer zu sagen...“ antwortete er.
Ich hatte das Gefühl, das etwas dahinter verborgen sein muss, aber ich hörte auf zu fragen, da ich meinen Freund nicht von der Fahrt auf der gewundenen Bergstraße ablenken wollte. Als ich im Dorf war, fühlte ich mich unwohl, weil das Dorf so verschmutzt war. Überall Fliegen und Insekten, auf Müllhaufen vor den Häusern, in Küchen, auf dem Bauernmarkt, auf Kuhfladen auf der Straße, und sogar in den Schüsseln der Kleinkinder. Es schien, als ob die wahren Herren des Dorfes die Mücken seien.
Der einstmals berühmte Yan-Fluß ist ein kleines Rinnsal, das oft sogar ganz austrocknet. Das Flußbett ist voll mit industriellen Abfällen sowie denen der Privatleute, überall Plastiktüten, schwarzem undefinierbarem  Zeugs aus Industriebetrieben und anderem Unrat aus Privathaushalten. Entlang des Flusses sah ich verschiedene Betriebe, die bankrott gingen und geschlossen waren. Ich sah chemische Produkte, die in Plastikfässern in unkrautüberwucherten Höfen herumstanden. Es handelte sich also offenbar um ehemalige Chemiefabriken und fragte meinen Freund, was mit diesen Fabriken passierte.
„Dies waren dorfeigene Chemiefabriken, die später an Privatpersonen verkauft wurden. Sie arbeiteten nicht rentabel und machten zu.“
Ich war froh. „ Es ist besser, sie zu schliessen, anderenfalls würden sie den Fluss nur weiterhin verschmutzen.“
Mein Freund seufzte:“ es gibt noch viele von diesen Chemiefabriken oberhalb des Dorfes, sie verschmutzen den Fluss jeden Tag, nichts und niemand kann sie daran hindern.“
"Trinken die Dorfbewohner noch aus dem Fluß?"
"Nein, zu stinkend jetzt, wir trinken Brunnenwasser."
Während meines Aufenthaltes in Yantou besuchte ich auch die benachbarten Dörfer Zhangshu und Qiaotau. Von Alten abgesehen fand ich nur Frauen und Kinder. Sie saßen in der Nähe der Brücke und schauten mit lustlosen Augen gelangweilt drein. Am späten Abend traf ich wieder älter Leute am Eingang des Dorfes Guzhang, die wie bewegungslose Statuen da sassen. Ich lief zu ihnen und bot ihnen Zigaretten an und unterhielt mich ihnen. "Wo sind die Jungen?" fragte ich. "Wo sind die Jungen?" "Kann man nicht hierhalten—die mit Geld haben Häuser in Ningbo oder Xikou gekauft. Die ohne Geld sind auf der Suche nach Arbeit und auch weggezogen" antworteten sie gleichgültig.
Ich fragte, "Bekommt die Mehrheit der Alten Pensionen?"
"Nein, nichts. Dem Dorfkommittee geht es auch schlecht. Von wo sollte das Geld herkommen?"
"Wenn ihr krank werdet?"
"Kleine Krankheit, warten auf Heilung;große Krankheit, warten auf Tod…" sagten sie als ob sie über jemanden anderen sprächen.
Die untergehende Sonne beschien die Berge, die alte Steinbrücke lag schweigend im Schatten der alten Bäume. Ich war da um eine Gruppe von alten Leuten zu sehen, die herumsassen und in einem Dorf, dass jede Hoffnung verloren hatte, auf den Tod warteten.
In Yantou gibt es keine Spuren modernen Kulturlebens. Auf der Straße gibt es einen Markt von alten Leuten und ein paar Meeresfrüchten von wonandersher. Es gibt im Dorf keine einzige Zeitung zu kaufen.
Das einzige schriftliche Zeugnis innerhalb des Dorfes stammt aus der Kulturrevolution. Es sind Slogans wie „Lang lebe der Vorsitzende Mao!“ und „Das unbesiegbare Mao-Denken!“


Eine Gruppe von Gangstern

Anfänglich wollte ich den Leiter des Dorfkomitees besuchen, um mich über die lokale Dorfgeschichte zu informieren. Stattdessen fand ich mehrere „Partei- und Regierungsbeamte“, die auf dem Sofa liegend rauchten und Tee tranken. Ich fragte:“Dürfte ich den Genossen sprechen, der das Dorf leitet?“
Ich bemerkte ihre aufmerksame, aber dennoch gleichgültige Haltung.
„Wer bist du? Was soll das denn?“ fragte ein Mann mittleren Alters im Ton und der Rhetorik eines Dorfbeamten.
"Oh, wir sind Touristen. Wir hörten, dass Yantou zum „Nationalen Geschichts- und Kulturerbe“ der Stadt Ningbo erklärt wurde. Wir wollen wissen, ob es diesbezüglich irgendwelche Informationen zu kaufen gibt."
Alle Augen richteten sich auf einen schmalgesichtigen alten Mann in ungewaschenen Hosen, der offensichtlich der Parteisekretär oder der Leiter des Dorfkomitees war. Ungeduldig sagte er:“ Wir sind mitten in einer Besprechung.“


Wir machten uns schleunigst davon.

Draußen sagte mein Freund: „Du hast es gesehen, schaut das nicht wie ein Treffen von Gangstern aus?"
Erstaunt fragte ich, "Was meinst du damit?"
"Vor kurzem hielt das Dorfkomitee allgemeine Wahlen ab. Der frühere Parteisekretär Mao Heyi der frühere Vorsitzende des Dorfkomitees Mao Ziwei waren die beiden mächtigsten Männer des Dorfes. Sie bekämpften sich auf alle erdenkliche Weise. Wegen ihrer Konkurrenz kamen fast Leute ums Leben."
"Nennt man das also 'demokratische Wahlen?' Leute töten? Warum?"
"Mao Ziwei war seit vielen Jahren der Leiter des Dorfkomitees. Dieses Mal wollte er aber Parteisekretär werden, also die wirkliche Nummer Eins.
Aber Mao Heyi hatte auch Verbindungen zu Leuten an der Spitze der Partei. Vor der Wahl gab es deshalb öfters Auseinandersetzungen. In einer Nacht vor der Wahl gab es eine Auseinandersetzung der beiden Gangs. Etliche Leute wurden verwundet.
"Ein paar Tage später brannte der Wald. Beide Gangs beschuldigten sich gegenseitig. Tausende Mu verbrannten und viele Leute wurden verletzt, als sie versuchten, denn Brand zu bekämpfen."
"Ernsthaft? Was passierte dann? Wie wurde es gelöst?"
"Nichts! Am Ende blieb der Parteisekretär Parteisekretär und der Leiter des Dorfkomitees blieb eben dessen Leiter!"
Ich war sprachlos, als ich von der Geschichte des durch die Regierung verursachten Plots hörte. Er war die Antwort auf meine Frage nach dem abgebrannten Wald.
So sehen die Realitäten in einem „wirtschaftlich und kulturell entwickeltem“ Dorf im heutigen China aus.

Nach einem halben Jahrhundert wurde ein von der KPCh regiertes Dorf von ehemals natürlicher Schönheit und historischer Wichtigkeit zu einem hässlichen und aufgegebenem Platz. Mein Herz wurde dadurch mit Traurigkeit erfüllt.

Von Li Hong
Demokratisches China













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