Nach 12 Jahren Arbeit, der Beteiligung von bis zu 26.000
Wanderarbeitern, der Vertreibung von knapp zwei Millionen Menschen und
einem Budget von umgerechnet rund 25 Milliarden US-Dollar (inoffizielle
Quellen variieren zwischen 50 und100 Milliarden), ist die riesige
Staumauer fertiggestellt. Mit einer Höhe von 185 Metern und einer Länge
von 2,3 Kilometern staut sie das Wasser des mächtigen Jangtse
(chinesisch: Yang Zi Jiang), des längsten Flusses in Asien.
Der Jangtse, ein Fluß der Mythen und Legenden, die Wiege der
chinesischen Zivilisation, ist jetzt durchtrennt von 27 Millionen
Tonnen Beton. Die Ankündigung des offiziellen Endes der Bauarbeiten an
dem Drei Schluchten-Projekt in China – das größte seiner Art – war
wider Erwarten nicht Anlass für große Feierlichkeiten, wie es von der
chinesischen Partei-Propaganda zu erwarten war.
Nach
offizieller Lesart wünschten die Verantwortlichen für den Bau aus
Bescheidenheit und Kostenersparnis keine teuren Feierlichkeiten. Das
jedenfalls will Xinhua, die staatliche chinesische Presseagentur, die
Bevölkerung Glauben machen. Der Kenner wird stutzig, wenn die Partei
eine solche Gelegenheit zur Propaganda ungenutzt vergehen lässt und den
offensichtlichen Grund stillschweigend unter den Tisch kehrt: Ihre
große Besorgnis.
Seit sechs Jahren zeigen sich immer mehr
Risse im Damm, angeblich „unbedeutende“, jedoch nicht beseitigte Risse,
die laut Experten zum Dammbruch führen könnten. Schon seit fünf Jahren
wird die Wasserqualität im Staubecken immer schlechter. Schon jetzt
machen sich die Auswirkungen des Staudamms auf die Umwelt bis zum 900
km entfernten Shanghai bemerkbar, obwohl der massive Eingriff in die
Natur noch gar nicht in vollem Umfang zum Tragen kommt.
Die staatlich kontrollierte Tageszeitung People's Daily brachte am 6.
April 2002 ein Foto mit der Unterschrift: Mit Tanzen und Singen
feierten die Aussiedler der Gemeinde Sandouping im Kreis Yichang am 3.
April 1992 die Annahme der "Entscheidung über den Bau des Drei
Schluchten-Staudamms“. (Foto: The Epoch Times)
Man will die Natur an Ketten legen Hinter
diesem Projekt steht weit mehr als der einfache Wunsch, im
wirtschaftlich wachsenden China die nötige Energie zur Verfügung zu
stellen. Wie bei vielen bedeutenden Ereignissen im Reich der Mitte sind
die Gründe noch woanders zu suchen.
Sich die wilde Natur
des Jangtse nutzbar zu machen, das war schon 1917 der Traum von Sun Yat
Sen, dem Gründer der Republik China. Auch Mao Tse-tung erwähnt den
Staudamm, eines Tages wird „..die Göttin der Drei Schluchten mit den
Waffen der Moderne geschlagen werden.“ Das ist mehr als eine poetische
Anspielung, das ist eine Frage der Ideologie: die Natur wird nicht
gezähmt, sondern sie soll vom Menschen beherrscht werden.
In
diesem Fall geht es um die Kontrolle über einen Fluss, der über
gewaltige Kräfte verfügt und dessen verheerende Katastrophen seit
Jahrtausenden als Strafen der Götter betrachtet wurden. Ohne das Wasser
des Jangtse, der von Tibet bis Shanghai nach über 6.300 Kilometern ins
Meer fließt, mit einer Wassermenge von 30.000 Kubikmetern pro Sekunde,
könnte die Landwirtschaft in den neun angrenzenden chinesischen
Provinzen nicht überleben.
Kontrolle und Imagepflege
Li
Peng und Jiang Zemin, die beiden Hauptverantwortlichen des Massakers
auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989, waren schon seit
1980 die glühendsten Verteidiger des Staudammprojektes. Nach Studium
der Unterlagen des Mammutbaus entschied der chinesische Staatsrat im
Februar 1989, die Pläne nicht weiter zu verfolgen. Aber nach dem
Aufstand von 1989 änderten sich die Machtverhältnisse, Jiang Zemin und
Li Peng erklommen mit ihrer Gefolgschaft den Gipfel der Macht – Jiang
Zemin als Erster Sekretär von Chinas KP. Von da an wurde jede Kritik an
dem Projekt konsequent unterdrückt. 1992 wurde der Bau vom
Volkskongress gebilligt, allerdings mit 30 Prozent Enthaltungen oder
Gegenstimmen. Bei den sonst üblichen „99 Prozent Pro“ ließ das
aufhorchen.
Im März des Jahres 2003 veröffentlichte die französische Vereinigung „Freunde der Erde“ (
www.amisdelaterre.org )
einen Bericht und schrieb darin, dass „das Projekt der Drei Schluchten
von verknöcherten Bürokraten unterstützt wird, die die Energiequellen
unter Kontrolle behalten wollen, während die Verfechter der Reformen in
den Institutionen ihre Zweifel und Vorbehalte gegenüber dem Staudamm
zum Ausdruck bringen.“
Außerdem, so heißt es weiter in
diesem Bericht, „wird der Drei Schluchten-Staudamm die wirtschaftliche
Situation Chinas nicht verbessern. Laut Energieexperten ist der
Staudamm nicht die preiswerteste Lösung; es existierten zahlreiche
einfachere Lösungen, um die Energie-Produktion mit geringeren Kosten zu
erhöhen. Die Energie-Tarife müssen im Ganzen Land erhöht werden, um den
Bau des Staudamms zu finanzieren.“
Mit einer
veranschlagten Produktion von jährlich 84 Milliarden Kilowattstunden
wird der Drei Schluchten-Staudamm in China etwa 2 bis maximal 4 Prozent
der in China benötigten Energie decken – das entspricht lediglich
annähernd der jährlichen Energie-Wachstumsrate.
Vertreibung mit Schlagstock und Bulldozer Der
erhebliche Vorbehalt gegenüber dem Bau entstand auch durch die
Notwendigkeit der Umsiedlung der Anwohner dieses Gebietes, also aller
Bewohner der Städte und Dörfer entlang des 660 Kilometer langen Staus:
nach Schätzungen wurden zwei Millionen Menschen dadurch vertrieben.
International
Rivers Network beauftragte einen Langzeitbeobachter mit dem Besuch der
Baustelle der Drei Schluchten. Er sollte ferner einen aktuellen Bericht
über die Umsiedlung und die Entschädigungen erstellen. Anhand
zahlreicher Beispiele belegt er, dass die Entschädigung für die
Zwangsumgesiedelten weit unter dem Wert ihres in Wirklichkeit
eingetretenen Verlustes liegt.
Auch existieren die
versprochenen ländlichen oder städtischen Zonen und die Jobs, die den
Umsiedlern in Aussicht gestellt wurden, gewöhnlich überhaupt nicht.
Viele
örtliche Funktionäre haben sich angeblich die Taschen mit Teilen des
Geldes gefüllt, das für die Vertriebenen bestimmt war, und „von dem
Projekt profitiert, um sich persönlich zu bereichern.“
Es
sei auch keine Stelle für die Einreichung von Beschwerden vorgesehen;
der Prozess der Umsiedlung vollziehe sich „in einer Atmosphäre, die
seitens der Behördenmitarbeiter von Geheimhaltung und Einschüchterung
gezeichnet ist.“
Die Polizei habe „brutale Mittel“
eingesetzt, um die zahlreichen Unruhen zu unterdrücken, die durch die
Probleme der Umsiedlung entstanden sind. So sei das Projekt der Drei
Schluchten zu „einem Instrument der Unterdrückung geworden, das massiv
die Menschenrechte verletzt.“ Das große Heer der Obdachlosen hat
dadurch ebenfalls Zuwachs erhalten.
Auch diese Bauten sind dem Untergang in den Fluten geweiht. (Foto: The Epoch Times)
Die Zerstörung des historischen Erbes Der
Drei Schluchten-Staudamm wird 13 Städte und 4.500 kleinere Orte unter
sich begraben. Mehr als hundert Stätten von archäologischer Bedeutung.
Einige Tempelanlagen wie der Zhangfei-Tempel werden in den Fluten
versinken. Einige von ihnen gehören zu den wichtigsten in China. Sie
wurden komplett abgetragen und andernorts wieder aufgebaut. Der Rest
wird auch den Fluten preisgegeben werden.
Die Landschaft
der Drei Schluchten – eine der schönsten und markantesten in ganz China
- die sich über Jahrtausende in den Bildern und Gedichten chinesischer
Künstler widerspiegelt, wird ganz einfach verschwinden. Und mit der
Landschaft auch an die 2.000 Jahre alte Meisterwerke chinesischer
Architektur.
Zerstörung der Umwelt
Am
meisten sind die Gegner wegen der Auswirkungen des Staudamms auf die
Umwelt beunruhigt. Das enorme Volumen der angestauten Wassermassen hat
in der Region bereits zu einer Steigerung der Regenfälle geführt. Das
Leben im Wasser ist durch die radikale Betonabsperrung ebenfalls
nachhaltig gestört. Die Ressourcen für die Fischerei sind dadurch auch
in Gefahr. Das Habitat einzigartiger Tierarten ist zerstört. Der
Süßwasser-Delfin des Jangtse ist zum Untergang verurteilt.
Ein
anderes Problem ist die Wasserqualität oberhalb des Staubeckens: Die
Rückhaltezone wird zum Auffangbecken der Abwässer der gesamten Region.
Die Kommune von Chongqing zum Beispiel, ein Industrie-Zentrum mit etwa
30 Millionen Einwohnern, liegt ganz in der Nähe des Flusses. Die
Industrieabfälle werden in das Schwemmland gespült, das hinter dem
Staudamm liegt, und verschlechtern die Qualität des Wassers. Die
Erosion und Instabilität der Uferzonen könnte auch zum Abrutschen
kompletter Bergwände führen.
Wir wollen gar nicht von dem
Risiko sprechen, das bei einem Dammbruch für Dutzende von Millionen
Einwohnern entstünde, wenn plötzlich zwischen 80 und 120 Milliarden
Kubikmeter Wasser aus dem Rückhaltebecken frei würden. Als 1959 der
Staudamm von Fréjus in Südfrankreich brach, begrub er über 400 Menschen
unter sich, obwohl er in einer weitgehend unbewohnten Gegend stand. Die
Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur und seinen eigenen Werken mag
gespürt haben, wer sich einmal zwischen den gewaltigen Betonklötzen des
gebrochenen Dammes in Fréjus bewegt hat.