
+ Die Frage der Definition von Arbeitslosigkeit
+ Die Verläßlichkeit der statistischen Daten
+ Arbeitslosigkeit auf dem Land
Trotz der Reform- und Öffnungspolitik leugnete die Regierung lange die Existenz der Arbeitslosigkeit. Deshalb gab es keine Arbeitslosenstatistik. Bis 1986 erkannte man die Existenz von Arbeitslosen überhaupt nicht an, anschließend sprach man von "Zubeschäftigenden" anstelle von Arbeitslosen. Es gab ab da Statistiken von "Zubeschäftigenden" und prozentuale Statistiken, sofern städtische Gebiete betroffen waren. Das nationale Statistikbüro Chinas definiert diese Gruppe wie folgt:
"Lebt nicht auf dem Lande, gehört zu einer bestimmten Altersgruppe, d.h. 16-50 Jahre, ist arbeitsfähig , ohne Job und sucht jedoch einen und wurde beim Arbeitsamt registriert." 1994 begann man den Terminus Arbeitslosigkeit zu akzeptieren, der Ausdruck änderte sich entsprechend.
Auf der Internetseite des chin. Statistikbüros wird die Höhe der Arbeitslosigkeit 1985 mit 1,8 % angegeben, mit 2,5 % 1990 und im Jahre 2000 mit 3,1%.
Die gleiche Website verkündet, dass Ende 2001 die in Lohn und Brot stehende Bevölkerung 730,25 Mill. betrug, darunter sind 239,4 Mill. Stadtbewohner, die "Freigestellten" der VEBs machen 5,15 Mill. aus, die städtische Arbeitslosenrate läge demnach bei 3,6%.
103,55 Mill sind in der Arbeitslosenversicherung, 3,12 Mill. beziehen von ihr ihren Lebensunterhalt. Auf diesen Daten basierend muß man annehmen, dass ca. neun Mill. Stadtbewohner arbeitslos sind. Die offizielle Arbeitslosenstatistik bezieht sich nur auf die Stadtbewohner. Man weiß nicht, wie viele Landbewohner arbeitslos sind. Viele sind in versteckter Arbeitslosigkeit, das heißt, sie arbeiten oberflächlich, aber ihre Produktion liegt bei Null. (Wenn sie nicht gezählt würden, würde die Produktion überhaupt nicht abnehmen.) Darin liegt eine versteckte Arbeitslosigkeit.
So ist also gemäß Chinas eigener statistischer Zählweise die Definition für Arbeitslosigkeit zu niedrig angesetzt, verglichen mit dem Standart der übrigen Welt. Das maximale Alter für Arbeitslosigkeit wurde seitens der Regierung auf 10 Jahre unterhalb des Rentenalters festgesetzt . Das heißt, für diesen Zehnjahreszeitraum wird nur die Pensionierung berechnet. Die normale , in der Welt anerkannte Definition für Arbeitslosigkeit hat keine solche willkürliche Altersgrenze. Jeder, der keinen Job hat, aber einen sucht, gilt als arbeitslos.
Zusätzlich wird die Definition für Arbeitslosigkeit in zwei Aspekten zu niedrig angesetzt:
I) Sogenannte "Freigestellte"-Arbeiter werden nicht eingeschlossen.
II) Nur registrierte Arbeitssuchende werden als arbeitslos gezählt.
Die offizielle Registrierung als "arbeitssuchend" stimmt nicht mit dem Maßstab für Arbeitslosigkeit überein. In der Regel könne die von VEBs freigestellten Arbeitslosen keine Arbeitslosengelder beantragen. Die Provinz Liaoning hat eine Reform durchgeführt und erlaubt Freigestellten, sich arbeitslos zu melden. Ursprünglich kamen die Bezüge für "freigestellte" Arbeitslose nicht vom Staat, sondern von den Betrieben. Aber eine ganze Menge Betriebe konnte diese nicht mehr bezahlen, das ist einer der Gründe für die Arbeiteraufstände auf dem Daqingölfeld im Jahre 2001
Wie ist denn nun die Arbeitslosigkeit in den Städten? Im Unterschied zu den offiziellen Statistiken bemißt sie der Wirtschaftswissenschaftler Rawski von der Universität Pittsburgh auf 8 % - andere liefern höhere Schätzungen, manche sehen sie bei 10 %, manche 20 %; die Nicht-Beschäftigten machten nach diesen verschiedenen Zählweisen somit 9-48 Mill. aus. Was das flache Land angeht, so stimmen alle darin überein, dass die Arbeitslosigkeit bei über 30 % liegt.
Im folgenden also die Arbeitlosenstatistik gemäß verschiedenen Standarts:
I. Die von der chinesischen Regierung veröffentlichte Arbeitslosenrate ist in Wirklichkeit lediglich also die "registrierte städtische Arbeitslosigkeit".
1992 betrug sie 2,3 %, zwischen 1997 und 2000 blieb sie bei 3,1 %. Ende 2001 stieg sie auf 3,6 %. 2002 dann auf 4,5 %. Dies sind knapp sechs Millionen.
II. Die Anzahl der städtischen Arbeitslosen und der "freigestellten" Arbeiter zusammen liegt bei 7,7 % der gesamten arbeitsfähigen Stadtbewohner, das sind 20 Millionen.
III. Auf der Basis der zweiten Kalkulation betrüge die Zahl Nichtarbeitenden ein Drittel aller in Staatsbetrieben, Regierungsbehörden und anderen Institutionen gemeldeten Beschäftigten. Diese zusätzlichen 30 Mill. ließe die Arbeitslosenrate auf 19,3 % steigen.
IV. Um die Arbeitslosigkeit im weiteren Sinn zu ermitteln, muß die überflüssige Arbeitskraft auf dem Land dazu addiert werden; gegenwärtig beträgt die Anzahl aller arbeitsfähigen Landbewohner 470 Mill. (Nach anderen Angaben 499 Mill.). Das bebaubare Land hat eine Größenordnung von 1,9 Milliarden Mu. Wenn jeder aus dieser potentiell arbeitsfähigen Population auch nur 10 Mu bearbeiten kann (dies entspräche 0,67 ha ), würden 190 Mill. Arbeiter benötigt. Wenn man die 190 Mill. Arbeiter der Fabriken in den Städten dieser ländlichen Gebiete hinzu zählt, dann sind nur 320 Mill. Menschen auf dem Land voll im Arbeitsprozeß, wohingegen 150 Mill Menschen auf Arbeitssuche wären. Wenn eine Arbeitskraft jedoch mehr als nur 0,67 ha bearbeiten kann, dann stiege die Anzahl der Nichtbeschäftigten auf dem Land über diese 150 Mill.
Die asiatische Entwicklungsbank schätzt sogar, dass die Anzahl der nicht benötigten Arbeiter auf dem Land 200 Mill. beträgt.
Basierend auf diesen Berechnungen betrüge also die Arbeitslosenrate in ganz China hochgerechnet knapp 35 %.
He Qinglian (2002) fand heraus, dass die Arbeitslosigkeit ohne die ländlichen Arbeitslosen 21 % beträgt, folgt man den offiziellen Berichten der chinesischen statistischen Jahrbücher.
Wenn die gesamte Arbeitslosigkeit für Stadt- und Landbewohner berechnet wird, kommt man auf 35 %, was mit unserer Berechnung übereinstimmt.
Zusätzlich zum rein ökonomischen Aspekt tauchen die Probleme Chinas in allen Facetten auf , wie die eben benannte chronische Arbeitslosigkeit, die sich ausweitende Kluft zwischen reich und arm, moralische Verkommenheit, Unterschlagung und Mißmanagement, soziale Ungerechtigkeiten und so weiter. All diese Sachen sind wie tickende Zeitbomben, die den wirtschaftlichen Kollaps herbeiführen können.
Am 11. 3. gingen 5000 Arbeiter aus verschiedenen Industriezweigen auf die Straße um in der Stadt Liaoyang ( Provinz Liaoning ) zu protestieren . Die Demonstration ging von sechs örtlichen Fabriken aus, z.B. von der Textil-, Instrumenten- und der Lederfabrik.
All diese sechs Fabriken waren bankrott oder standen kurz vor dem Bankrott. Dies markierte die erste gemeinsame Demonstration von Arbeitern aus verschiedenen Industriezweigen. In der Folge kam es zu verschiedenartigen Protesten in anderen Städten Chinas, als da wären Fushun, Urumqi, Jian, Guangyan und Peking. Während der 16. Tagung der KP Chinas wurde ein Bericht über die Aufstände in Daqing behandelt.
Seit der Reform der VEBs im September 1997 wurden Dutzende Millionen Arbeiter aus ihren Jobs entfernt. Zusätzlich wurden ihre Einstellungschancen erheblich vermindert. Betrug die Chance einer sofortigen Wiedereinstellung im Jahre 1998 noch 50 %, lag sie ein Jahr später bei 42 %. Im Jahre 2000 dann bei 35 %, 2001 bei 30 % und im ersten Halbjahr 2002 bei gerade noch neun Prozent.
( Anmerkung: Auch die Hälfte aller Universitätsabgänger des Jahres 2003 soll Schätzungen zufolge keine Arbeit gefunden haben, auf eine freie Stelle in China kommen generell 4000 Bewerber. Ebenso ist das Anfangsgehalt für Universitätsabgänger 2003 um 40 % gefallen )
Die Arbeiterbewegung von Daqing wurde durch die Unterschlagung der letzten Wohlfahrtsgelder ausgelöst. Die Unruhen in Liaoyang wurden auch durch unterschlagene Löhne seitens der Fabrikleiter ausgelöst. Diese Art Korruption ließ die Arbeiter auf die Straße gehen.
Die Arbeitslosigkeit in China hat sich kontinuierlich verschlimmert, wodurch die Kluft zwischen reich und arm immer größer wurde. Das daraus resultierende soziale Problem ist eine potentiell tickende Zeitbombe. Sogar das Entwicklungs-und Forschungszentrum des Staatsrates warnte, dass die Arbeitslosenrate in den städtischen Gebieten in der nahen Zukunft von 10 auf 15 % ansteigen werde. Außerdem hat die Anzahl der in den städtischen Zonen in Armut lebenden Menschen 37 Millionen erreicht, oder 12 % der Bevölkerung. Mit dem Eintritt in die WTO wird China noch mehr Druck erleben. Der Arbeits- und Sozialminister, Zhang Zuoyi, gab zu, dass die Arbeitslosigkeit irgendwann vor 2005 ihren Höhepunkt erreichen könnte.
Gemäß einer Studie der Weltbank von Ende 2001 muß die chinesische Regierung innerhalb von zehn Jahren 100 Millionen neuer Jobs schaffen, um die Nachfrage nach Arbeit aufzufangen, die von entlassenen Arbeitern, Migranten und der nachrückenden arbeitssuchenden Bevölkerung entstehen wird.
Die Kluft zwischen reich und arm ist die ausgeprägteste in der Welt. Der GINI-Index stand 2000 bei 0,417, basierend auf offiziellen Statistiken. Dies ist ein Anstieg von der Marke 0,338 in den Neunzigern. Aber einigen unabhängigen Untersuchungen zufolge liegt dieser Index schon über 0,5. Allgemein gesagt liegt die international anerkannte Alarmschwelle bei 0,4. In den vergangenen dreißig Jahren lag der GINI-Index Taiwans immer zwischen 0,28 und 0, 32.
Die Kluft zwischen reich und arm ist für jeden Beobachter offensichtlich. Die Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land, zwischen Küste und dem Hinterland, sowie Bauern und Nichtbauern erzeugen zwei unterschiedliche aber schwer zu überbrückende Identitäten in der chinesischen Wirtschaft. Wegen des unglaublich hohen GENI-Index schlug Professor Li Yining von der Peking-Universität sogar vor, Stadt und Land für die Berechnung des Indexes zu trennen
Dies ist an sich undenkbar, denn der GINI-Index ist eben dazu da, solche Ungleichgewichte zu bemessen. Wenn man schon vorschlägt, hohe und niedrige Einkommen für die Bemessung zu trennen, muß diese Kluft dazwischen wohl allzu furchtbar sein.
( Anm. der Red.: Wenn man den Prozeß der Erstellung chin. Statistiken kennt, muß man sich wundern, warum dieser Vorschlag noch nicht umgesetzt wurde. Wahrscheinlich ist der GINI-Index außerhalb der Wirtschaftswissenschaftlerkreise zu unbekannt, um zu viel Energie auf seine "Anpassung an die gewünschten Realitäten " zu legen )
Die Söhne und Töchter der Bauern sind per legem erblich bedingt auch Bauern. Warum? China implementierte ein Familienrecht, welches es den Bauern unmöglich macht, sich in der Stadt anzusiedeln. Diese Gesetze binden den Bauern lebenslang an das Land. Ausgebeutet und unterdrückt durch kommunistische Kader führen die Bauern das Leben von Leibeigenen und Sklaven. Oft wird der Widerstand gegen übermäßig und willkürlich auferlegten Steuern und Abgaben gewalttätig. ( Anm. der Red.: siehe auch unsere Berichte über die zunehmenden kleineren Bauernaufstände auf dem Land in der Rubrik Gesellschaft )
Tatsächlich werden Bauern in vielerlei Hinsicht schlecht behandelt . Sie haben weder die Freiheit, ihren Wohnort noch ihre berufliche Laufbahn frei zu wählen. Sie werden in der Erziehung, bei der politischen Vertretung, der sozialen Sicherheit etc. diskriminiert. Ein Beispiel: Der Volkskongreß ist das höchste Machtorgan der chinesischen Verfassung. Aber die Delegierten des neunten Volkskongresses sind nur zu acht Prozent Bauern, obwohl deren Anteil an der Bevölkerung über 70 % beträgt. Bauern sind sozial nicht abgesichert und sie müssen höhere Preise für Strom und Telefon bezahlen.
Der einzig gangbare Weg um dem Landleben Adieu zu sagen ist höhere Bildung. Dabei gibt es jedoch eine lange Geschichte der Diskriminierung gegen Bauernkinder. Ein Beispiel: Die Mindestpunktzahl, mit der man den Eintritt in eine Universität schafft, liegt in der ländlichen Provinz Hunan bei 556, in Peking hingegen bei 466 ( aus dem Jahre 1999 ). Anders gesagt, ein Schüler aus Hunan, der es wegen fehlender Punktezahl nicht einmal schafft, eine einfache technische Universität in seiner Heimat zu besuchen, könnte auf eine der renommiertesten Universitäten Pekings gehen, wäre er ein Bewohner Pekings. Das Budget für Erziehung und Unterricht beträgt ca. 20 Milliarden Yuan jährlich, aber es wird fast nur in städtische Gebieten investiert.
Das Erziehungswesen auf dem Land muß sich selbst finanzieren. Die allgemeine Abgabe der Bauern, die sogenannte "Drei Abgaben, fünf Allgemeinaufwendungen" genannte Steuer enthält bereits eine Abgabe für Erziehung und Bildung. Wenn dieser Fond aber aufgebraucht ist, müssen die Bauern auf eigene Kosten eine zusätzliche "Bildungsgebühr" bezahlen.
Mitte Juni 2002 legte das "Vorbereitungskollektiv für den 16. Parteitag der KP Chinas" einen Report mit dem Titel "Die gegenwärtige Lage aller sozialen Schichten" vor, ausgearbeitet von der Forschungsabteilung des Staatsrates in Zusammenarbeit mit der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. Diesem Bericht zufolge beträgt das Privatvermögen aller Chinesen 85 Billionen Renminbi.
96 % davon besitzen 38 % der städtischen Bevölkerung, wohingegen 62 % der Bevölkerung, d.h. 800 Mill. Bauern, sich die übrigen 4 % teilen. In der relativ reichen Stadtbevölkerung gibt es fünf Millionen (Yuan)-Multimillionäre, die sich auf die vier Städte Peking, Shanghai, Shenzhen sowie Kanton und die relativ wohlhabenden Küstenprovinzen (z.B. Jiangsu, Zhejiang etc. ) beschränken.
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Es ist nicht erstaunlich zu bemerken, dass diese Multimillionäre alle einen Hintergrund in der KP, der Regierung sowie dem Militär besitzen, oder aber deren Nachwuchs sowie Verwandtschaft derer sind , die beachtliche Macht und Einfluss besitzen.
Wo kommt also deren Wohlstand her? Der Bericht enthüllt, dass diese Millionäre ihren Wohlstand aus folgendem Ursprung haben:
Seit dem Beginn der Achtziger nutzten sie ihre Macht, um Geschäftstransaktionen zu manipulieren; sie stahlen Materialien, die der Staat verteilte und verkauften es wieder, sie sahnten bei Import-Exportquoten ab, sie manipulierten den Verkauf von staatseigenem Land und verkauften es privat, sie bekamen von den Staatsbanken zinslose staatlich garantierte Darlehen ( mit Hilfe mächtiger Hintermänner ) und sie manipulieren den Aktienmarkt.
Ebenso nahmen sie beim Import von Investitionsgütern große Schmiergeldsummen an.
Seit Mitte der Neunziger kontrollieren und monopolisieren sie die Verträge für die großen staatlichen Investitionsvorhaben. Dieser Bericht enthüllt auch, dass unglaubliche 40 bis 60 % aller Ausgaben für Investitionsprojekte auf zentralstaatlicher sowie Provinzebene in private Taschen floß.
Um die um sich greifende Bewegung der Ausplünderung der VEBs durch chinesische Bürokraten und Kader ( die sogenannten "spontanen Privatisierungen"
zu rechtfertigen, kam der Slogan auf, dass Korruption in Ordnung gehe. Um den Widerstand gewisser altlinker Interessengruppen gegen die Reform und Öffnung zu brechen, kam die Theorie "Korruption akzeptieren, um dass alte System zu durchbrechen" auf. In ihrer Untersuchung weist He Qinglian Theorien weit von sich, die davon sprechen, man brauche Korruption zur Modernisierung Chinas. Sie zeigt, das als Resultat das Ancien Regime nicht wegging, sondern lediglich soziale und gesellschaftliche Gerechtigkeit zerstört wurden. Die Korruption greift immer mehr in alle Teile der Bevölkerung über, von oben nach unten. Alle sozialen Klassen sind dafür anfällig, und es gibt den modernen Spruch der chinesischen Umgangssprache, "wer einen Körper hat, diesen verkauft, und wer eine Seele hat, diese auch verkauft".
In einem System, in dem Eigentumsrechte im Fluß und wechselndes Management Gang und Gebe sind, werden die Ressourcen des Landes verschleudert. Aus staatseigenen Firmen wird hemmungslos gestohlen. In der Untersuchung von Zheng Yi mit dem Titel "Chinas Jüngstes Gericht" werden viele solcher verschwenderischer Praktiken beschrieben, z.B. Wälder werden ohne Genehmigung abgeholzt, Bodenschätze unproduktiv ausgebeutet, und fruchtbares Farmland wird der Erosion preisgegeben. Ein Beispiel aus dem Bergbau:
Die Kohle aus Taixi war als "King Coal" dafür berühmt, dass sie wenig Asche bei der Verbrennung hinterließ, wenig Schwefel und fast keinen Phosphor hatte. Bei der Verbrennung erzeugte sie hohe Hitze mit wenig Rauch. Durch dauernd wechselndes Management und gleichgültigen Umgang kam es zu Spontanfeuern auf dem Kohlefeld, um dessen Löschung sich keiner kümmerte. So verbrannten 70 Millionen Tonnen dieses schwarzen Goldes, und nur 15 Millionen konnten gefördert werden. 55 Millionen wurden verschwendet, und die Ausbeute betrug nur 21 %.
He Qinglian (2001 ) weist in ihrer Untersuchung nach, das die Verschleuderung von Kapital durch Korruption und Mismanagment nicht geringer ist als die durch sorglose Abholzung und Bergbau. Sie weist nach, dass das Verhältnis zwischen verschwendetem und unterschlagenemem Staatskapital und der korrekten Allokation beim "Endverbraucher" 7:3 beträgt, d.h., bei einen ausgegebenen Yuan des Staates werden 70 % grundsätzlich unterschlagen. Diese 70 Prozent verlieren sich in einer schier endlosen Kette von Schmiergeldern, die bei den Zwischenschritten des Geldtransfers von oben nach unten gezahlt werden müssen, in einem dieser Zwischenschritte wird sogar die Sexindustrie gefördert. Dies ist um so bemerkenswerter, da doch die Internetzensur dem Westen gegenüber immer damit gerechtfertigt wird, man wolle den Internetnutzern keine pornographischen Inhalte zumuten.
Die verbleibenden 30 % sind auch nicht unbedingt für die Nutzung in China übrig, ein großer Teil davon geht ins Ausland und wird internationales Kapital.
( Anm. der Red.: Gegenwärtig fließt ein beachtlicher Teil in den Kauf internationaler Anleihen, China wurde zu einem der größten Käufer amerikanischer Schatzanleihen, siehe hierzu den auf unserer Website veröffentlichten Wall Street Journal-Artikel "Chinas Wirtschaft ist ein Papiertiger".
Einer speziellen Untersuchung der chinesischen nationalen Devisenbewirtschaftungsbehörde vom Dezember letzten Jahres zufolge betrug das Fluchtkapital in den nur drei Jahren von 1997 bis 1999 über 53 Milliarden US-Dollar, also durchschnittlich 17,7 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Diese Zahlen sind sicherlich überraschend. Mehr noch, der Pekinger Wirtschaftsforscher Fan Gang weist nach, dass die Kapitalflucht 2000 enorm anstieg, in diesem Jahr allein flossen 48 Milliarden US-Dollar außer Landes. Diese Kapitalflucht überstieg somit die Zuflüsse aus dem Ausland ( Foreign Direct Investment, FDI ), die nur 40,7 Milliarden betrugen. Mittlerweile nimmt China den Platz vier unter den Ländern mit der weltweit größten Kapitalflucht ein
( Anm. der Red.: Siehe hierzu auch unseren Bericht `Eine neue Welle` in der zweiten Ausgabe von china-intern, die zeigt, wie das gesamte Devisenbevorratungssystem während der SARS-Krise fast zusammengebrochen wäre).
Das Zhen Ming Magazin berichtete schon in seiner Oktoberausgabe
2002, dass der Kapitalexodus aus China heraus im Jahre 2001 453 Milliarden Yuan , oder 54 Milliarden US-$ betrug. In der ersten Hälfte 2002 waren es einem Sonderbericht der Disziplinkommission der KP Chinas in Zusammenarbeit mit dem Finanzwirtschaftskomitee zufolge schon 255 Milliarden Yuan, oder 30,5 Milliarden US-$, die das Weite suchten. Im September selbigen Jahres meldete eben dieses Komitee in einem Sonderbericht unter Berufung auf das Ministerium für Personalfragen sowie das Ministerium für Staatssicherheit für , dass bis zum Juli 2002 insgesamt 9440 Funktionäre und Kader der KP oder des Staates verschwunden, untergetaucht oder ins Ausland geflüchtet seien. Man bestätigte in diesem Bericht, dass 6500 davon andere Länder als Fluchtpunkt benutzt hätten, und Chinas Ministerium für Staatssicherheit erließ 6275 Haftbefehle gegen diese Personen. Zusätzlich erfuhren die Ermittler, dass 200 hochrangige Funktionäre ihre Flucht vorbereiten.
( Anm. der Red.: Besonders die Maifeiertage, die Tage um den Nationalfeiertag Anfang Oktober sowie das chinesische Neujahrsfest werden von Funktionären zur Flucht benutzt. Auch 2003 gab es Anfang Oktober eine nie dagewesene Fluchtbewegung, bei der, anders als früher, weniger Bargeld, sondern Anleihen, Aktien etc., mitgenommen wurden. Auch die Kapitalflüchtlinge Chinas gehen mit der Zeit...)
Seit 1999 führt das ZK der KP die Niederschlagung von Falun Gong durch,
das die Lehre von "Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht" in China verbreitete. Alle Propagandaanstrengungen wurden, wie man es seit der Kulturrevolution nicht mehr gesehen hatte, zur Verleumdung und zum Fabrizieren von Lügen und Gerüchten über diese friedliche buddhistische Übungspraxis eingesetzt. Der gesamte Staatsapparat wurde und wird dafür eingesetzt, um Millionen von Falun Gongübenden zu verfolgen. Dabei benutzt man eine Reihe von Mitteln wie Schlagen, Foltern, Überwachen, finanziell ausplündern und ruinieren, Erpressung, Einweisung in Irrenanstalten, Verweigerung des Rechts auf Bildung, Wohnungen werden gestürmt und verwüstet, Eigentum konfisziert, Frauen werden vergewaltigt, und Tausende bislang zu Tode gefoltert. Schätzungen zufolge wird bereits ein Viertel aller Staatsausgaben für die Unterdrückung von Falun Gong ausgegeben, wobei diese Ausgaben in verschiedenen Schattenhaushalten versteckt sind.
Korrupte Kader zerstören die Gesellschaft, und ihr Verhalten initiiert einen Dominoeffekt in ganz China. Die gesellschaftlichen Normen des Zusammenlebens sind am Zusammenbrechen. In Regierungskreisen gibt es überall Unterschlagung von Geldern, Schmiergelder, Schmuggel, Manipulierung, offenen Diebstahl, und sogar die Mafia sitzt überall in der Regierung. In der Geschäftswelt sind Plagiate und minderwertige Produkte überall zu finden, keine Regierungsstelle kümmert sich darum (außer dem gutgläubigen Westen gegenüber zu versichern, dass es bald besser werde und man durchgreife...gelegentlich, wenn westliche Reporter anwesend sind, veranstaltet man sogar eine öffentliche Zerstörung von Plagiaten, Raubkopien etc. ),
vergifteter Reis und Speiseöl werden verkauft ohne auf Menschenleben zu achten, was wiederum in einen kompletten Vertrauensverlust mündet. Auch im Erziehungswesen und bei der Forschung sind Plagiate und gefälschte Diplome in Mode gekommen. Keiner weiß, wie viele Chinesen, die im Ausland studieren, gefälschte Diplome besitzen. In jeder größeren Stadt gibt es eine Anschlagswand, auf der Zeugnis- und Diplomfälscher offen ihre Dienste anbieten. ( Als im Herbst 2003 die Polizei in Kanton einmal gegen diese Fälscher vorging, setzte sie automatische Wählmaschinen ein, die die Telefone der Fälscher lahmlegen sollten. Die Fälscher jedoch gingen zum Gegenangriff über und setzten ihrerseits Wählmaschinen ein, die den Notruf der Polizei lahmlegten). Anders als vor noch 20 oder 30 Jahren verachtet die Masse der Chinesen heute jeden moralischen Standart und menschliche Tugend, sogar wenn Menschen bei Autounfällen verletzt werden, zeigt man keinerlei Mitleid oder gar Hilfsbereitschaft.